Direkt zum Seiteninhalt

Trott-War

Ralf Herter - neu
13 August 2021
Immer, wenn ich einem Trottwar-Verkäufer begegne, kaufe ich eine Zeitschrift. In der Zeitschrift viel Lesenswertes drin, aber hauptsächlich kaufe ich die Zeitschrift, um den Verkäufer und "das Projekt" ein wenig zu unterstützen.

Der Verkäufer hat am Ende des Tages keine Almosen bekommen, sondern hat etwas verdient durch seine Arbeit. Jede Zeitung, die er verkauft, ist ein kleines Erfolgserlebnis für ihn oder sie.

Viele Menschen allerdings begegnen den Verkäufern mit Scheuklappen, sie meiden den Blickkontakt, um ja nicht angesprochen zu werden.
Wir machen oft sofort "die Schotten dicht", sobald wir den Verdacht haben, dass uns irgendjemand "was verkaufen" will. Stattdessen könnten wir die Souveränität entwickeln, uns erstmal unvoreingenommen mit der Sache zu beschäftigen. Wir können später immer noch entscheiden

Was beim Trottwar-Verkäufer kein Problem ist, gelingt mir beim Bettler auf der Straße nicht immer.
Es tut mir weh zu sehen, wie ein bedürftiger Mensch – und wie 99% der Leute an ihm vorbeigehen als wäre er Luft.
Aber es ist für alle die normalste Sache der Welt. Weil es die anderen ja auch machen, weil wir es so gewohnt sind.

Wir sind uns gar nicht bewusst, was wir machen – bzw. nicht machen.

Und was mache ich meistens?
Mir ist bewusst, was gerade geschieht (was mein Versagen noch schlimmer macht), aber ich habe nicht den A.. in der Hose,
"Was denken die Leute,


Ich weiß, dass nach dem Gespräch sich beide besser fühlen werden, der Obdachlose, und ich, weil ich es geschafft habe, mich zu überwinden und meine Komfortzone zu verlassen.

Ich ertappe mich dabei, wie ich mir innerlich wünsche, keinem Bettler zu begegnen, um nicht dieser moralischen Zwickmühle ausgesetzt zu sein.

Stattdessen warte ich "auf einen günstigen Moment", schaue mich scheinheilig in Schaufenstern um, geh die Straße rauf und runter, behalte den Obdachlosen im Auge. Das kann sich dann oft hinziehen. Wie ein Tiger schleiche ich um die "Beute" bis mir dann irgendwann einfällt, dass es ja eine gute Idee wäre, mir die Straße weiter oben etwas zu besorgen.

Auf dem Rückweg, so der Plan, kann ich mich dann frischen Mutes und mit Anlauf um den Obdachlosen kümmern.
Auf dem Rückweg dann (nach einem unnötig in die Länge gezogenen Besorgungsgang) hoffe ich insgeheim, dass der Bettler weitergezogen sein möge.

Wir tun oder unterlassen vieles nicht deswegen, weil wir "böse" sind, sondern weil wir uns nicht bewusst.
Weil wir in Gewohnheiten verhaftet sind, weil wir uns an anderen orientieren.

Manchmal müssen wir uns selbst einen Tritt in den Allerwertesten geben: Jetzt ist es gepostet – jetzt muss ich es machen!




Zurück zum Seiteninhalt