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Im KIZ

Ralf Herter - neu
29 Juli 2021
Es ist warm in der Kabine. Die Ärztin hantiert an ihrer Anrichte und hat mir den Rücken zugewandt, als wolle sie das, was sie da macht, vor meinem Blick verbergen. Möchte ihr wie um Beiläufigkeit bemühter Plauderton mich in Sicherheit wiegen? Mir suggerieren, dass das, was auf mich zukommt, doch gar nicht so schlimm sei? Oder überinterpretiere ich das Verhalten der Frau in weiß?
 
Wenige Minuten und zwei Stationen zuvor hat mich ein Infofilm über die Segnungen und Risiken des Comirnaty-Impfstoffs von Biontech aufgeklärt. Das meiste davon habe ich bereits wieder vergessen. Hängen geblieben ist, dass mein Risiko, an Covid-19 zu erkranken, 95% niedriger sein soll als bei Ungeimpften. Aber erst nach erfolgter zweiter Impfung. Heute ist mein erstes Mal. I’ll be back, denke ich mir beim Verlassen des Corona-Kinos.

Nun sitze ich also im Zimmer der Impfärztin und erlaube mir den makabren Spaß, mir die gefakten beziehungsweise missinterpretierten Bilder von angeblichen Spulwürmern in Impfseren vorzustellen und die Armada an Mikroroboter von Bill Gates, die schon brennend darauf wartet, in meinen Blutkreislauf hineingelassen zu werden, um ihr manipulatives Werk aufzunehmen.




Mein stets zu Scherzen aufgelegtes, masochistisches inneres Ich will Zweifel schüren, wo es nichts zu zweifeln gibt. Es neckt mich, weil ich es ihm erlaube, und so lasse ich mich gerne auf den eigenproduzierten Grusel ein, den nur Menschen nachvollziehen können, die sich etwa einen Flugzeugkatastrophenfilm ansehen, bevor sie ihren Transatlantikflug antreten oder sich Der weiße Hai reinziehen, ehe sie im Meer baden, um sich dem wohligen Gänsehaut-Schauer hinzugeben, wenn irgendeine Pflanze oder vielmehr ein unbestimmtes „Ding” ihren Fuß streift.

Kaum zu Ende gedacht, fühlt sich auch schon der Geschichtenerzähler in mir herausgefordert und beschwört die Vision einer von Zombies besetzen Welt, die ihre Entstehung einem nicht ausreichend getesteten Impfstoff zu verdanken hat – mit mir als dem Patienten null.


Was bist du nur für ein kranker Kerl? geht es mir durch den Kopf – nicht wirklich ernst gemeint, denn ich habe schon lange aufgehört, mir solche Fragen zu stellen, und mich längst mit der bitteren Realität abgefunden. Für einen Moment gehe ich im Kopf meine Karrierechancen als Skriptautor für Querdenker und Verschwörungstheoretiker durch, ehe mich die Ärztin mit ihren Anweisungen, was nach der Impfung alles zu beachten sei, wieder in die Gegenwart zurückholt.

„Was, die komplette Woche keinen Sport????” frage ich zurück – ganz der Sportsmann (der 80% seiner Zeit im Fitnessstudio in dessen Wellnessbereich verbringt). „Ihr Kollege im Vorzimmer hat aber etwas anderes gesagt.”
Nach meinem Einwand spezifiziert die Ärztin ihre Aussage und begrenzt ihr Verbot auf Aktivitäten, die das Herzkreislaufsystem stark beanspruchen. Sauna geht also klar, Sport eher nicht, halte ich für mich fest. Mit dieser ärztlich verordneten Einschränkung wird mir der Gang ins Fitnessstudio diese Woche viel leichter fallen als sonst.

Ich schaue auf die Uhr. Daheim läuft noch mein PC und gaukelt dem CC-Launcher von Comcave vor, ich würde brav vor dem Monitor sitzen. Hihi.
Das Abfrage-Popup, in das man durch Eingabe von vier Zahlen seine Anwesenheit bestätigen muss, taucht in unregelmäßigen Abständen, Pi mal Daumen alle zwei Stunden, auf und kann jederzeit auf dem Bildschirm erscheinen. Das Zeitfenster, das einem für die Eingabe zur Verfügung steht, ohne dass eine Lücke im Anwesenheitsverlauf entsteht und man in irgendeiner Form sanktioniert wird, ist begrenzt.


Ja schon gut, ich dramatisiere. Denn natürlich gibt es nichts, was ich zu verbergen hätte (jedenfalls, was das betrifft). Selbstverständlich ist ein Impftermin ein legitimer Abwesenheitsgrund, aber diese künstlich erzeugte Spannung ohne Anlass ist wieder so eine Macke von mir und ich hab mir die Herausforderung gestellt, daheim zu sein, bevor bei Comcave die Alarmsirenen losheulen und das Sondereinsatzkommando der Agentur für Arbeit meine Wohnung stürmt. Außerdem will ich mir den bürokratischen Aufwand ersparen, irgendwelche Dokumente einreichen zu müssen, die meine berechtigte Abwesenheit bezeugen.

Ich rechne. Etwa eine halbe Stunde, ehe ich die Wohnung verlassen hatte, war das Comcave-Popup das letzte Mal erschienen. Das ist jetzt circa eine Stunde her. Die Fahrt von mir daheim bis zum Impfzentrum dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Kurzes Kopfrechnen ergibt, dass ich dann für den Rückweg etwa 15 Minuten brauchen werde. Weitere 15 Minuten beträgt die vorgegebene Wartezeit nach der Impfung, die man unter Beobachtung im Impfzentrum verbringen muss. (Wer sich dann noch nicht in einen (Un)toten verwandelt hat, darf heimgehen.) Okay, alles zusammengerechnet, komme ich zu dem Schluss, dass es richtig knapp werden könnte. Geil!

Mit einem halben Auge, ohne das Bedürfnis nach Details zu haben, aber offenbar unfähig, einfach ganz woanders hinzuschauen (das Maso-Ich lässt grüßen), schiele ich auf die Spritze mit dem halbvollen Kolben und dem dunklen Serum darin, welche die Ärztin wie eine Magierin klammheimlich hinter ihrem Rücken hervorgezaubert hat („Tataaa“) und mit der sie sich meinem bereits freigelegten linken Oberarm nähert.

Als jemand, der regelmäßig sein Blut dem DRK opfert und seinen Impfschutz gegen FSME, Tollwut, Tetanus und Zombiebisse immer wieder auffrischt, sind Spritzen kein ungewöhnlicher Anblick für mich. Dieses Mal aber, hier und jetzt im KreisImpfZentrum Messe Stuttgart (endlich macht auch der Titel einen Sinn), ist es irgendwie anders. Selbst als rational denkender Mensch, für den ich mich „trotz allem“ immer noch halte, fällt es mir schwer, mich von dem Aufwand um mich herum, den Schutzmaßnahmen, den Medienberichten, den Atemmasken und den Menschen in Schutzanzügen nicht beeindrucken zu lassen.

Hier steckt schon mehr dahinter als bei der letzten Zeckenimpfung im Sprechzimmer von Dr. Kühnemann, welche mir dessen Sprechstundenhilfe bei der Vorsorgeuntersuchung kurz und schmerzlos reingedrückt hat – in den Terminplan.

Hoppla, ehe ich mich versehe, ist es auch schon passiert: Ein kleiner Pieks für mich, aber ein großer Schritt für die Herdenimmunität. Ich betrachte meinen Arm als wäre ich verwundert, dass er sich trotz Impfung noch an Ort und Stelle befindet. „Husch husch, ans Werk, ihr kleinen Racker”, rufe ich gedanklich Bill Gates’ Nanobots zu, während die Ärztin mir ein Pflaster auf die Einstichstelle pappt – und hoffe im selben Moment, dass ich tatsächlich nur stumm und nicht etwa laut gedacht habe.

Die gute Frau macht jedoch keine Anstalten, um Hilfe zu rufen oder das Sicherheitspersonal zu alarmieren. Stattdessen entlässt sie mich mit den besten Wünschen und weist mir freundlich den Weg zum Wartebereich. Doch, das muss man sagen, alles nette Leute hier.

Im zugewiesenen Bereich sicher angekommen, harre ich auf einem Stuhl der Dinge, namentlich der zerrinnenden Zeit von fünfzehn Minuten. Ich bin jetzt also einer von ihnen. Einer der Geimpften. Ich nehme mir vor, stolz zu sein, wenn in der Tagesschau am Abend die aktuellen Impfstatistiken vorgelesen werden und ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass ohne mich eine um eins niedrigere Zahl an Geimpften auf dem Bildschirm erscheinen würde.

Dabei ist die durchgeführte Impfung nicht wirklich mein Verdienst. Meine Schwester, die es zur Meisterschaft im Ergattern von Impfterminen gebracht hat, hatte auch für mich einen aus dem Lostopf gezogen. Daher gebühren ihr die Lorbeeren. Und nur deshalb bin ich hier beziehungsweise war es, denn die 15 Minuten sind inzwischen um. Also flugs den Papierkram abgegeben, unter tosendem Applaus der Anwesenden und in die Menge winkend den Wartebereich verlassen (zumindest habe ich es so in Erinnerung), aufs Fahrrad geschwungen (ja, ich bin geradelt – Sie wissen, CO2 und so …) und gen Wohnung gedüst, dann angekommen, Fahrrad abgestellt und die Treppen in den dritten Stock hochgehetzt (ja, ich vermeide Aufzüge, selbst in extremen Notsituationen wie diesen – Sie wissen, Gesundheit und so …), mit zittrigen Händen den Schlüssel ins Schlüsselloch gefummelt, die Wohnungstür aufgerissen und vor den Bildschirm gestürzt.  

Und ja, da ist er. Der CC-Launcher empfängt mich in seiner ganzen Pracht, sardonisch grinsend und mit offenen Armen – in Form des aufgepoppten Anwesenheitskontrollfensters. Er hat es also tatsächlich getan, das Aufpoppen. Ein Stück weit fühle ich mich hintergangen – insgeheim hatte ich wohl gehofft, es hätte sich eine gewisse Solidarität entwickelt zwischen „Launchi” und mir in den vergangenen zwei Wochen unserer „Zusammenarbeit“ und er hätte mir vielleicht doch den Rücken gegenüber Comcave freigehalten. Ich habe keine Ahnung, wie lange er schon in dem aufgepoppten Zustand vor sich hinquengelt, aber ich gebe ihm, wonach er verlangt, indem ich die Zahlen mit der Maus in das Eingabefeld „tippe“ und warte gespannt, ob wegen der möglichen Zeitüberschreitung irgendetwas explodiert oder „Game Over“ quer über dem Bildschirm erscheint. Nichts dergleichen geschieht. Das Popup verschwindet einfach so wie immer, ohne zu murren oder nachzutreten. Mit spitzbübischem Grinsen auf den Lippen und dem Gefühl, das System überlistet zu haben, nehme ich wieder am Unterricht teil und tu so, als wäre nichts gewesen.

Ach ja, … Irgendwelche Impfnebenwirkungen? Keine Spur. Am Tag nach der Impfung fühle ich mich sogar so beschwingt und euphorisiert, dass ich mir einen lang gehegten Traum erfülle und mir endlich dieses neue teure Notebook bestelle. Das von Microsoft.



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